Der Volksaltar in St. Andreas

Bild VolksaltarMit dem Ort, an dem der Altar steht, hängt die Art zusammen, wie der Gottesdienst gefeiert wird.   

Im einen Fall ist der Altar hoch erhoben, von Ferne stehen wir vor Gott, wie in einem Thronsaal, wie wir einst vor ihm stehen werden in Gericht und Herrlichkeit.

Im anderen Fall, mit einem Altar wie ein Tisch, feiern wir Gott in unserer Mitte, Gott den Menschen nahe. In Gottes Gegenwart versammeln wir uns als Gemeinde um den Tisch des Herrn. Es ist nicht unbedingt eine andere Liturgie, doch die Wahrnehmung des Geschehens verändert sich.

Beide Formen sind legitimer und notwendiger Ausdruck des christlichen Glaubens: „Ich nur auf der tiefsten Stufen, ich will singen, beten rufen“ ebenso wie „Komm, Herr, segne uns, daß wir uns nicht trennen“.

Als es in der Andreaskirche in Weißenburg als Hauptaltar nur den gotischen Altar mit dem Apostel Andreas in der Mitte gab, waren die Gottesdienste meist festgelegt auf die erste Art. Verschärft hat sich dies, als durch die Sanierung der letzten Jahre einige Bänke entfernt wurden. Zwanzig Meter sind es jetzt zwischen dem Andreas-Altar und der ersten Bankreihe. Auf diese Entfernung kann man gregorianisch singen und das Glaubensbekenntnis Gott als Lobpreis darbringen. Um aber die Gemeinde zum Sündenbekenntnis als „Liebe Schwestern und Brüder“ anzureden, muß der Liturg am Andreas-Altar eine emotionale Hürde nehmen, die kaum zu überwinden ist. Was wären das auch für Schwestern und Brüder, die man nur auf zwanzig Meter Abstand ansprechen, ihnen den Segen zusprechen kann?

Dies waren einige der Überlegungen im Kirchenvorstand, als er im Oktober 2000 für einen Volksaltar stimmte. Zugleich wurde festgelegt, daß auch künftig Gottesdienste am Andreas-Altar stattfinden, vor allem an den hohen Feiertagen und in den Gottesdiensten, in denen für eine große Gemeinde vorne Stühle gestellt werden. In Familien  und Jugendgottesdiensten wird man dagegen den Platz unter dem Chorbogen für Spielszenen oder die Band nutzen. So strebt der Kirchenvorstand mit dem Beschluß für den Volksaltar Flexibilität für verschiedene Formen des Gottesdienstes an. Auch bei großen kirchenmusikalischen Aufführungen kann der Volksaltar auf dem Absatz unter der Christus-Darstellung von Hemmeter einen würdigen Platz finden.

Nach langer Diskussion, auch mit dem Kunstreferat der Landeskirche, hat sich der Kirchenvorstand für das Modell eines Weißenburger Künstlers entschieden. Der neue Altar von Herrn Sturm wurde am 15. September geweiht, d.h. in gottesdienstlichen Gebrauch genommen.

Der neue, moderne Altar stellt einen eigenen Kristallisationspunkt des gottesdienstlichen Geschehens dar, fügt sich aber zugleich in den gotischen Kirchenraum ein, als wäre er aus ihm herausgewachsen. Der Blick auf den gotischen Hauptaltar bleibt erhalten. Das moderne Kreuz, das den neuen Altar bestimmt, besteht aus einem alten Balken aus dem gotischen Dachstuhl der Kirche, mit den Wunden der Jahrhunderte. So sind alt und neu eine Synthese eingegangen.

Beide Altäre sollen nun – wie die beiden Arten des Gottesdienstes – ihr eigenes Recht haben, auch wenn sich die Gottesdienstformen nicht vermischen lassen. Deshalb brennen im Gottesdienst an beiden Altären die Kerzen, auch wenn der Gottesdienst nur an einem Altar gefeiert wird.

Daß auf die eine und die andere Weise „schöne Gottesdienste des Herrn“ gefeiert werden, wünscht

Dr. Reinhard Brandt
(Weißenburger Dekan 2000-2011)